Orgel Kerzenkapelle Kevelaer, Foto: Paul Lammers

Historie der Orgel in der Kevelaerer Kerzenkapelle

1800 – 1958

Erste Hinweise einer Orgel finden sich direkt in der Orgelempore mit dem integrierten historischen Orgelgehäuse, die vermutlich um 1800 herum erbaut wurde. Die genaue Herkunft ist nicht nachweisbar und man kann über den Erbauer nur spekulieren. Der Kevelaerer Orgelbauer Wilhelm Rütter bediente sich des Gehäuses, um eine neue Orgel einzubauen. Teilweise verwendete er historisches Pfeifenwerk, welches vielleicht sogar noch von der ersten Orgel stammt, für die das Gehäuse erbaut wurde. Es liegt nahe, dass Rütter hier schon hoffte, den Auftrag für den Bau einer neuen Orgel in der Basilika zu bekommen. Die Orgel der Kerzenkapelle kann somit als Referenz hierfür angesehen werden und muss von außerordentlicher Qualität gewesen sein.
Ungefähr um das Jahr 1841 dürfte das Instrument (mit 24 Registern, verteilt auf 28 Züge) fertiggestellt worden sein. Hinweise darauf gibt ein Abnahmegutachten durch die Organisten Gerhard Lueben (Goch) und Johann Franciscus Haan (Calcar), welches vom Präses van Gemmern zu Kevelaer beauftragt wurde.
Der orgelkundige Klosterbruder Gregorius van Dijk verzeichnet 1878 folgende Disposition (In der Reihenfolge am Spielschrank):

ManualPositivPedal
Prinzipal 8′Gemshorn 4′Subbass 16′
Bourdon 16′ BaßBourdon 8′Octav 8′
Bourdon 16′ DiscantFugara 8′Violoncello 8′
Gamba 8′Flaut Travel 4′Oktav 4′
Rohrflöte 8′Flaut Dolce 4′Blockflöte 1′
Octav 4′Picolo 2′Fagott 16′
Rohrflöte 4′Crumhorn 8′ BaßPosaune 16′
Waldflöte 2′Crumhorn 8′ Discant
Mixtur 3f 2′
Trompete 8′ Baß
Trompete 8′ DiscantManual-Koppel

Dieses Dokument aus dem Karmeliterkloster zu Boxmeer an der Maas gibt vermutlich nicht die ursprüngliche Disposition wieder, jedoch sind im Revisionsbericht bis auf eine fehlende Stimme alle Register dort enthalten.

Das Instrument erlangte schnell Bekanntheit über die Grenzen von Kevelaer hinaus und war Inspiration und Vorlage für diverse Orgelneubauten am Nieder- und Mittelrhein bis in die benachbarten Niederlande hinein. Durch die Wallfahrt an St. Marien ergab sich dies fast wie von selbst.

Erste nachweisbare Arbeiten waren eine Überarbeitung des Gehäuses, ausgeführt durch Rütters Söhne Carl und Julius. Im Jahr 1990 wurde durch Orgelbau Seifert ein signiertes Pfeifenbrett mit der Aufschrift: „Anno Domini 1886, Augustus 8, 9, 10 wurde diese Orgel durch Kalk (?) über… Carl und Julius“ Der ehemalige Basilikaorganist und Kustos der Kerzenkapellenorgel, Professor Wolfgang Seifen, erhielt dieses Pfeifenbrett am 02.02.1990 und lagerte es im Instrument ein.

Wie alle Orgeln wurde auch die Orgel der Kerzenkapelle im Jahr 1917 ihrer Prospektpfeifen beraubt, welche zu Rüstungszwecken eingeschmolzen wurden. Es ergab sich ein trauriger Anblick. Bis zur Überarbeitung und Veränderung im Jahr 1959 ist nur noch eine Maßnahme schriftlich festgehalten im Jahr 1934:
„Derselbe Rütter hat in der Kerzenkapelle zu Kevelaer um 1850 ein altes Werk erneuert das aber heute so jammervoll in Umstand ist, dass man den Spieltisch mit Brettern hat vernageln müssen, um jedes Spiel zu verhindern. Die 26 Register (Anm.: vorausgesetzt dass Bourdon 16‘ und Trompete 8‘ zwei Züge hatten) deuten – ich konnte sie leider nicht nachprüfen – auf eine noch reichere Klangmöglichkeit als in Sevelen hin.
Möge einst der Tag kommen, wo wir über dieses Werk mehr als Freudigeres berichten können.
Allen Musikbegeisterten Heimatfreunden aber wollen diese Zeilen ein Anstoß sein, mit dem Verfasser eifrig mitzusuchen, um am Niederrhein vielleicht noch mehr solch köstliche Juwelen einer fast versunkenen Tonwelt bekannt zu machen und – hoffentlich – dadurch zu retten.“

1959 – 1989

Ob und wie die Orgel im zweiten Weltkrieg beschädigt wurde, ist nicht belegt. Im Jahr 1959 erfolgte ein Umbau durch Seifert. Das Instrument wurde zunächst vom Denkmalexperten Prof. Rudolf Reuter aus Münster eingehend untersucht. Er entwarf ein Konzept mit 20 Registern, dass die Charakteristik Rütters völlig unbeachtet ließ und nur unter großem Protest von Ernst Seifert in Angriff genommen wurde.

Die Disposition war zeittypisch und hatte mit dem Originalkonzept kaum etwas zu tun. Die gesamte mechanische Spieltraktur wurde gegen eine schwergängige Kunststoffmechanik ersetzt. Die Disposition von Dr. Reuter im Detail:

HauptwerkRückpositivPedal
Prinzipal 8′Gedackt 8′Subbass 16′
Gemshorn 8′Prinzipal 4′Bartpfeife 8′
Oktave 4′Koppelflöte 4′Choralbass 4′
Rohrflöte 4′Waldflöte 2′Posaune 16′
Oktave 2′Sesquialter 2f
Mixtur 5-6fScharf 4-5f
Dulcian 16′Regal 8′
Trompete 8′
TremulantTremulant

Die Jahre überdauerte die Orgel immer wieder mit technischen Störungen und war klanglich sehr unbefriedigend. So wurde der damalige Wunsch Dr. Heinrich Linssens vor der Maßnahme „Möge bald der Tag kommen, wo wir über dieses Werk freudigeres berichten können“ zu diesem Zeitpunkt nicht erfüllt.

1990 bis heute

Zirka 25 Jahre nach diesem Neubau wurde die Orgel komplett abgetragen und man versuchte eine bessere und der Historie angemessene Lösung zu finden. Professor Seifen nahm sich der Problematik mit großer Hingabe an und entwickelte ein Konzept für einen Orgelneubau. Dieser überzeugte damit alle Verantwortlichen und die Pfarrgremien ausnahmslos.

Das Oberwerk wurde wieder über das Unterwerk in die Front gestellt und das ehemalige Rückpositiv wieder zum Scheinpositiv umgebaut. Das Pedalwerk – ebenerdig aufgestellt – bekam wieder seinen Platz hinter dem Hauptgehäuse. Der Spielschrank wurde wie im Original seitlich angeordnet.

Spieltisch Kerzenkapelle Keveler, Foto: Rüdiger Enders
Registerzüge Kerzenkapelle Kevelaer, Foto: Rüdiger Enders

Zusammenfassend ist festzustellen, dass durch die 1990 erfolgte Rekonstruktion der ehemaligen Rütterorgel ein würdiges Instrument erhalten wurde, das eine bemerkenswerte Bereicherung der niederrheinischen Orgellandschaft darstellt. Die solide Bauweise kann im Kern Jahrhunderte überdauern. Damit dies gewährleistet ist, muss das Instrument auf Grund der besonderen Umstände in der Kerzenkapelle allerdings noch regelmäßiger als jedes andere Instrument gewartet werden, denn die extreme Rußentwicklung belastet die Orgel wesentlich stärker als vergleichbare Instrumente in anderen Räumen (siehe Spendenaufruf auf unserer Startseite).

Die heutige Disposition:

Oberwerk
(II. Manual) C-g3
Unterwerk
(I. Manual) C-g3
Pedal
C-f1
Prestant 8′Salicional 8′Subbass 16′
Bourdon 16′Bourdon 8′Violoncello 8′
Viola da Gamba 8′Flauto traverso 4′Bourdon 8′
Cornett 8′ ab c1Quinte 2 2/3′Oktave 4′
Flute harmonique 8′Flauto 2′Posaune 16′
Principal 4′Terz 1 3/5′
Rohrflöte 4′Larigot 1 1/3′
Oktave 2′Cromehorne 8′ Bass
Mixtur 4f 2′Cromehorne 8′ Diskant
Trompete 8′ Bass
Trompete 8′ Diskant
Clairon 8′ Bass
Clairon 4′ DiskantManualkoppel I an II
TremulantTremulantPedalkoppel II an P
Orgel Kerzenkapelle Kevelaer, Foto: Paul Lammers

Quellen:

  1. Aufzeichnungen Professor Wolfgang Seifen
  2. Diplomarbeit von Christian Müller, „Die Orgeln von St. Marien Kevelaer“
  3. Archiv der Firma Seifert